Dieter und Jochen Scharmer sitzen vor dem Hofladen auf Hof Dannwisch

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100 Jahre biologisch-dynamisch - Pionier:innen im Interview

Dieter & Jochen Scharmer

Im Interview mit Florian Gleißner

[Florian Gleißner]
Lieber Jochen, lieber Dieter,
vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, gemeinsam ein paar Fragen anlässlich des 100-jährigen Bestehens der biologisch-dynamischen Bewegung zu besprechen. Ihr gehört schließlich zu den Vertretern, die etwa zwei Drittel dieser 100 Jahre aktiv mitgestaltet haben.
Wie war eure Vorstellung und Vision der Berufswirklichkeit in der Landwirtschaft zu Beginn eures Berufslebens und wie hat sich diese Vorstellung von der späteren Realität unterschieden?

[Dieter Scharmer]
Ja, ich bin in der Pferdezeit groß geworden, das war für mich sozusagen der Inbegriff von Landwirtschaft. Ich habe nie darüber nachgedacht, was ich werden möchte – das war schon immer klar: ich bin ja der Erbhofbauer.

[Florian Gleißner]
Eigentlich warst du, Jochen, ja der Ältere. Wieso hast du den Hof nicht übernommen?

[Jochen Scharmer]
Dieter war immer der Bauer, er war immer im Stall und ich habe lieber in meiner Werkstatt mit Holz gewerkelt.

[Dieter Scharmer]
Ich war den Pferden und dem Rindvieh sehr verbunden. Diese Leidenschaft habe ich mit unserem Vater geteilt, der ein begeisterter Viehzüchter war. Gemeinsam haben wir Kataloge zu Rotbunten durchstöbert und Veranstaltungen besucht um unsere Rindviehzucht voranzutreiben.

[Florian Gleißner]
Und eure Eltern haben euch freie Wahl gelassen, wer den Hof übernimmt? Statt um Ältestenrecht ging es nach Neigungen und Fähigkeiten?

[Jochen Scharmer]
Ja, aber hier war es ja eigentlich immer klar, nicht? Du (zeigt auf Dieter) bist der Bauer. Und ich, ja, ich war unsicherer, viel unsicherer in der Berufswahl. Ich habe die Schule vor dem Abitur verlassen, um eine Tischlerlehre zu beginnen.

[Florian Gleißner]
Und wie bist du dann zum Obstbau gekommen?

 

Nach der Lehre habe ich das Stadtleben in Kiel kennengelernt und habe gemerkt, dass das nichts für mich ist. Hier zuhause konnte ich einen Obsthof mit älteren Bäumen, etwa einen Hektar groß, übernehmen. Aber ich musste die Fläche wechseln: Da man Apfelbäume immer auf das beste Land pflanzt, habe ich einen neuen Obsthof auf unseren Marschflächen in Sommerland aufgebaut. Ich habe weitestgehend alles allein gemacht – kein Baum, kein Haus stand, als ich begonnen habe. Dieser Prozess dauerte mindestens zehn Jahre.

Während meiner Obstbaulehre habe ich einen Praktikanten kennengelernt, der mir begeistert vom Ökolandbau berichtete. Ich kam mit diesen Ideen zum Bioanbau und Demeter zu Dieter. Und du, Dieter, hattest dazu kurz zuvor ein Buch von deinem Berufsschullehrer erhalten!

 

Jochen Scharmer, Demeter-Obstbauer

[Dieter Scharmer]
Und dieses Buch, das hat mir sozusagen die Kunde gebracht, dass es auch eine andere Art der Landwirtschaft gibt. Wir haben dann verschiedene Höfe in Schleswig-Holstein besucht und erste Versuche mit Spritzen gemacht, uns langsam rangetastet.

[Florian Gleißner]
Zu welcher Zeit war das?

[Dieter Scharmer]
Das war Mitte der 50er Jahre.

[Florian Gleißner]
Ihr habt also zeitgleich von den neuen Möglichkeiten, also dem Bio-Anbau, erfahren. Wie war das für euch?

[Dieter Scharmer]
Das war schon ein Zeichen, ein Fingerzeig von oben.

[Jochen Scharmer]
Ja. Und ich muss sagen, ich bin sehr blauäugig in die Sache gegangen. Es gab viel zu lernen und wir haben anfangs viele Fehler gemacht. Zum Beispiel habe ich die Triebe der Apfelbäume sehr stark zurückgeschnitten, was Krankheiten begünstigt hat. So hatte ich in der gesamten Anlage teilweise über 50 % Krebsbefall. Irgendwann habe ich gelernt, die Bäume wachsen zu lassen. Dadurch wurden sie resilienter und die Anfälligkeit für Krebs minderte sich über die Jahre.

[Dieter Scharmer]
Bei uns waren es die Disteln, die überhandnahmen. Die Distel hat eine sehr starke Pfahlwurzel, an der lässt sich genau ablesen, wo die Bodenverdichtung beginnt.

[Florian Gleißner]
Gab es denn bei jedem einzelnen von euch ein Ereignis, das euch veranlasst hat den Kunstdünger und den Pflanzenschutz wegzulassen?

[Dieter Scharmer]
Ja, bei Jochen war es der Krebs. Mein Schlüsselerlebnis war der plötzliche Tod von fünf Kühen auf einer Stickstoff-Versuchsfläche. Und das war ein ernsthafter Aufruf: Da muss sich etwas ändern.

[Florian Gleißner]
Und zu welchem Zeitpunkt war dann auch hier im Norden der Zusammenschluss der Höfe so stark, dass man auch richtig davon sprechen konnte „Wir sind ein Verband“?

[Jochen Scharmer]
Das entstand unter anderem durch die regelmäßigen LeMiMos und die Vorträge von Dr. Remer.
Ich habe es mir damals zur Gewohnheit gemacht, einmal im Monat an den Vorträgen teilzunehmen. Dr. Remer verwendete eine goetheanistische Methode. In seinen Vorträgen präsentierte er die wissenschaftlichen Ergebnisse über Boden und verschiedene Getreidesorten wie Roggen, Weizen, Gerste und Hafer. Er interpretierte diese Ergebnisse so, dass das Wesen der Dinge hervortrat, und beleuchtete die ganzheitliche Natur des Hofes, die er als Urgrund des Geschehens darstellte. Zentral in seiner Betrachtung war dabei die Kuh, die er als den Wesensmittelpunkt des Hofes beschrieb, ein zentrales Wesen, das symbolisch für den Kern des Hoflebens steht.


…Also, Dr. Remer wollte nie Berater sein. Das war fast ein Schimpfwort für ihn. Er sagte, die Bauern können sich untereinander beraten. „Sie wissen auf Ihrem Hof viel besser Bescheid als ich.“

Jochen Scharmer, Demeter-Obstbauer

[Dieter Scharmer]
Ja, diesen gegenseitigen Austausch hat er gefördert, in dem er uns dazu gebracht hat Vorträge zu halten auf Versammlungen. Die erste Wintertagungen beispielsweise 1955 auf Hof Wörme und später in Amelinghausen. Auf seine Besuche musste man sich richtig vorbereiten. Auch im Umgang mit der Hofindividualität. Das war mit Margret zusammen eine sehr erwähnenswerte, gute Zusammenarbeit. Auch in Bezug auf die Pflege der sozialen Verhältnisse hier auf dem Hof.

[Florian Gleißner]
Wie haben sich diese sozialen Verhältnisse damals entwickelt? Das muss sich zwischen den 50ern und Mitte der 60er Jahre enorm gewandelt haben bei euch, oder? Wie war das so?

[Dieter Scharmer]
Ja, ich empfand das so, dass es eine große Wandlung hier auf dem Hof gab, weg von der Herrschaftlichkeit hin zur Gemeinschaftsaufgabe. Und das hat bewirkt, dass man sich auch auf Augenhöhe gegenübergestand. Man kann sagen, die Entwicklung, die mit dem Boden geschehen ist, hat den Widerhall im Sozialen gefunden.

[Florian Gleißner]
Ich habe zum Schluss noch eine persönliche Frage an dich, Dieter, da wir hier in Dannwisch zusammen viel gemeinsam erlebt haben.
Ich habe immer deine erstaunliche Offenheit gegenüber neuen Ideen bewundert. Was hat dich dazu bewegt, Dir diese Offenheit in deinem Leben zu bewahren?

[Dieter Scharmer]
Ja, andererseits habt ihr mich auch auf eure Weise inspiriert. Das Interessante ist, was junge Menschen mitbringen. Das schafft auch eine gewisse Sicherheit für zukünftige Entwicklungen. Wir sollten Dinge entwickeln, die notwendig sind und nicht von alleine kommen, Dinge, die persönliches Engagement erfordern, wie die Pflege des Bodens für die Landwirtschaft und die Gestaltung des sozialen Umfelds. Die Bedingungen müssen von uns mitgestaltet werden, und das kann heute nur aus der Gemeinschaft heraus geschehen. Wenn man einen Hof ganzheitlich entwickeln möchte, kann man persönliche Beiträge in die Gemeinschaft einbringen und daraus entsteht etwas Neues.
Das ist schwer in Worte zu fassen, aber Liebe ist dafür notwendig. Sie ermöglicht das.

[Florian Gleißner]
Ich möchte euch von Herzen danken. Ich glaube, eure Erfahrungen können für Menschen meines Alters oder jünger eine Inspiration sein, Wege zu suchen, um ihre Höfe weiter in die Zukunft zu führen.

 

Das Interview fand am 20.12.2023 auf Hof Dannwisch statt

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